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Freiheit in Amerika wurde immer mit Blut und Büchern erstritten, und der Kampf um den Zugang zu den Büchern war immer Auftakt für einen größeren, umfassenden Freiheitskampf. Als Rosa Parks, eine Textilarbeiterin aus Montgomery, Alabama, sich am Abend des 1. Dezember 1955 weigerte, ihren Sitzplatz im Linienbus einem weißen Fahrgast preiszugeben und damit den Funken für die mächtigste Bürgerrechtsbewegung des 20. Jahrhunderts entfachte, schwelte in den Gerichtssälen Amerikas schon seit über 20 Jahren der Konflikt um die Rassentrennung im Bildungssystem. In den Dreißigerjahren strengten Afroamerikaner die ersten Prozesse um ihre Schulfreiheit an, im Mai 1957 erklärte der Oberste Gerichtshof die Teilung der Schulen nach Hautfarben für illegal. In Montgomery boykottierten die Afroamerikaner das Bussystem, bis die Verkehrsgesellschaft ihre rassistische Sitzordnung fallenließ. Martin Luther King redete vor Millionen von seinem großen Traum der Menschenemanzipation und wurde vom Präsidenten empfangen, doch die weißen Herrschenden verriegelten immer noch die Schultore. In Alabama stellte sich der Governeur vor dem Universitätseingang und verwehrte schwarzen Studienanfängern Einlass, der Pöbel bedrohte sie. Rosa Parks, längst aus dem Arrest entlassen, längst Siegerin im Buskonflikt, lief wochenlang jeden Morgen zur Bibliothek der Stadt, mit lesehungrigen afroamerikanischen Kindern an ihren Händen. Sie begehrte Einlass, eine stille sture Heldentat, die schließlich den Kindern die Türen zum Reich der Bücher öffnete. Das Bildungsprivileg war das letzte, was die weißen Herrschenden aufgeben wollten. Bundesmilitär musste anrücken, um ihren Starrsinn zu brechen und den Schwarzen den Weg in die Klassenzimmer und Hörsäle zu bahnen.

Heute regelt die "Affirmitive Action" den Bildungszugang für sogenannte Minderheiten. Sie ist ein Fuss in der Uni- und Collegetür, ein Prinzip aus Gesetzen und Verordnungen. Es fordert von den Bildungseinrichtungen, Afroamerikaner, Jugendliche aus armen Familien und Frauen bevorzugt aufzunehmen, um damit deren Anteil an der Studentenschaft zu erhöhen. Die "Affirmitive Action" ist umstritten. Ihre Gegner führen an, dass die Bildungsfreiheit für die Benachteiligten durch die Diskriminierung anderer Bevölkerungsgruppen erreicht werde. Doch niemand wünscht, den Albtraum der Segregation noch einmal zu durchleben. In New York bringen Schulbusse Kinder aus Spanish Harlem zu den Schulen in der Upper West Side mit seiner teils angelsächsischen, teils jüdischen Bevölkerung. Die Schulen mischen ihre Schüler; die Schülerschar jeder Schule repräsentiert die ethnische Zusammensetzung der ganzen Stadt. Seit den 70er Jahren setzen die Schulbehörden Speziallehrer ein, die Immigrantenkindern Sonderunterricht erteilen. Die Lehrer entstammen nicht der herrschenden ethnischen Gruppe, der weißen Mehrheit, sondern den Einwanderern selbst. Sie lehren Einwandererkindern einen Teil des Lehrstoffes in deren Muttersprache (Übrigens: ob mit moslemischem Kopftuch oder ohne spielt keine Rolle). In manchen Regionen des Südwestens, in Kalifornien, Nevada oder Colorado vermitteln sie Mathematik, Biologie oder Geschichte in Spanisch, der Sprache der zugewanderten Obstpflücker und Landarbeiter, und füttern mit ihrer Arbeit von Zeit zu Zeit die Debatten über die Einführung der zweisprachigen Schulbildung. Letztlich soll Englisch die dominierende Sprache der Gesellschaft sein, fordern die Schulbehörden und veranlassen wie in New York Nachhilfe für Kinder aus jenen Schulen, die an den Bundesstandards scheitern.

Die Nachhilfe ist kostenlos und wird entweder vom öffentlichen Schulbetrieb, von gemeinnützigen Organisationen oder Bildungsfirmen erteilt. Im Jahre 2003 beanspruchten über 40.000 Kinder aus 263 New Yorker Schulen das Angebot, ein Drittel mehr als im Vorjahr. Auf Bundesebene werden Schulen, die den Kindern die englische Sprache ungenügend beibringen, nach dem "No-Child-Left-Behind"-Gesetz bestraft. Sie müssen entweder Nachhilfekurse aus ihrem Schulbudget bezahlen oder jene Lehrer entlassen, deren Klassen die schlechtesten Resultate zeigen. Kritiker des Gesetzes bemängeln, dass Washington nur Strafen, keine Belohnungen verteilt. Verbesserungen der Englischkenntnisse honorieren Bushs Bildungsbürokraten nicht, selbst wenn sie wie in Sheboygan,Wisconsin, schwierigen Bedingungen abgerungen werden: Die Schülerschaft der 17 Schulen dieses Distrikts spricht über 20 Sprachen, von Albanisch bis Mandarin.

Amerika ist der Flickenteppich der Welt. Der Begriff "Integration" wäre hier ein Paradox. Integriert ist, wer den Teppich bunter macht.

Elf Millionen Einwandererkinder besuchen heute Amerikas Schulen, mehr als je zuvor - in Deutschland wären sie Sündenböcke für den weiteren Verfall des Bildungssystems, in Amerika sind sie eine Herausforderung. So wenig das Weiße Haus zur Zeit die Welt beeindruckt, so sehr lockt das Land, das es regiert: Amerikas Attraktivität als Ort neuer Lebenschancen ist ungebrochen. Das Land begrüßt eine wachsende Zahl von Immigranten, verlost jährlich 50.000 unbeschränkte Arbeitserlaubnisse, sogenannte Greencards, und vergibt Arbeitsvisa an tausende Forscher, Gelehrte, Künstler, die in ihrer Heimat keine Arbeit finden. Zum Beispiel arbeiten in den berühmten Bell-Laboratorien in New Jersey Ingenieure und Physiker aus 140 Ländern an den Kommunikationssystemen der Zukunft, auch viele aus Westeuropa, die nicht mehr zurückkehren wollen. Sie verbindet mit den armen Einwanderern aus Mexiko oder China, dass sie das Geheimnis Amerikas spüren: Amerika ist ein Experiment, unfertig und einmalig in der Geschichte. Es korrigiert sich selbst, wenn es zu scheitern droht - bislang jedenfalls - und betreibt mit seinem Bildungssystem nichts anderes als ein permanentes Pilotprojekt. II

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