Schweigeland
Eine Erzählung von Bernd Hendricks

Leseprobe:

"Wir sind am Ende der Zeit. Land verschwindet, also verschwindet Zeit. Durch mein Zimmer strömen die Geräusche der Nacht. Summen von einem fernen Highway. Irgendwo jault ein Autoalarm. Irgendwo sieht jemand fern, schlaflos wie ich. Karen ruft nicht an. Sie hat nicht angerufen seit unserer Rückkehr.

Der Tag graut bereits. Bald wird die Sonne über die Dächer der Hauptstadt scheinen, wie jeden Tag werden die Angestellten ihre Familie zum Abschied küssen, bevor sie in die Ministerien fahren, und in der Frühlingsluft werden die Vögel miteinander spielen. Wir aber sind am Ende der Zeit, denn Land verschwindet auf der anderen Seite des Erdballs. Vielleicht wird es uns mit sich ziehen. Dann wird ein schwerer Vorhang zwischen uns und unserer Vergangenheit fallen. Wir werden nicht mehr zurückblicken können, denn die Zeit verschwindet. Vor uns liegt dann nur Dunkelheit, und alle Taten enden, die Dinge zerfallen zu einzelnen Atomen, und das Leben friert ein in einen zeitlosen Zustand, der jenseits unserer Venunft liegt.

Karen reagiert nicht auf die Nachrichten, die ich auf dem Anrufbeantworter in ihrem Büro hinterließ. Sie wird nicht mehr anrufen, sie wird nie mehr anrufen. Auf den Sitzungen im Weißen Haus meidet sie meine Blicke. Sie ignoriert meine Diskussionsbeiträge, und wenn sie zu ihnen Stellung nimmt, dann sieht sie den Präsidenten an, als hätte nicht ich, sondern er soeben gesprochen.

Ich kenne die Geheimnisse ihres Körpers, den Leberfleck unter ihrem Bauchnabel. Ich kenne die Details ihrer Augen, ich weiß, wie sie leuchten, wenn sie ihr Gesicht dem Mond zuwendet. Ich kenne den winzigen braunen Punkt in ihrer rechten blauen Iris. Doch meine Erinnerungen sind zu Fesseln erstarrt und Nacht für Nacht wälze ich mich in meinem Bett, um sie abzustreifen. Auf meine Gefühle lastet längst der Alltag im Weißen Haus, die Bedrohung, über die niemand spricht, die Herausforderung, der jeder dort entgehen will. Bald werden sie aufatmen, und ihre Spannung wird sich für ein paar Tage lösen, denn sie werden einen Sündenbock gefunden haben..."

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