Zurück zur Empfangsseite "Al Dente": Click.

Leseprobe aus:

Al Dente
Eine Erzählung von Bernd Hendricks

. . . Die Limousine hat sich längst entfernt. Onkel Tosca sieht in den Himmel. Der Himmel ist Onkel Toscas Spiegel. Hier sieht er mehr als in der Zwischenscheibe der Limousine. Hier sieht er sein Ebenbild und seine unbegrenzte Freiheit. Sein Mund formt die Worte "Papa Tosca". Dann macht er einen Schritt auf das Restaurant "Amo" zu.

Der Bürgersteig ist zertreten und hebt und senkt sich wie eine erstarrte Meereswelle, auf deren Oberfläche kleine schwarze Quallen schwimmen, tausende ausgespuckte Kaugummis, von der Sonne im Laufe der Jahre eingebacken. Die Mulberry Street ist herausgeputzt, die Fassaden glänzen mit ihren rosigen Backsteinen. Die Feuerleiter sind angestrichen, die italienischen Fahnen hängen in der Abendluft. Sie bewachen die Romantik, mit der die famiglias die Straße dekoriert haben. Zwischen den Häusern spannen sich die grün-rot-weißen Girlanden wie Halteleinen. Onkel Tosca stellt sich vor, die Girlanden durchzuschneiden und zu beobachten, wie Little Italy auseinanderfällt.

Onkel Tosca mag die Stadt nicht. Er liebt die Natur. Er verscharrt die Männer, die er erschossen hat, an den schönsten Plätzen Amerikas. Tief atmet er die nächtliche Seeluft an den Küsten in Florida und Georgia, nachdem er die Schaufel in den Kofferraum gelegt und die Schleifspur im Sand weggefegt hat. Er legt sich dann auf den Bestattungshügel, raucht und sieht zu den Sternen. Wenn er den Männern seiner Crew befiehlt, ihm mehrere Säcke mit Eiswürfel zu besorgen, wissen sie, daß er nach Maine will, eine Zwanzig-Stunden-Fahrt in den Norden mit seinen Nadelwäldern, einsamen Seen und der zerklüfteten Küste. Das Eis schützt die Leiche vor Verwesung, und wenn Onkel Tosca sie abseits von der letzten Autobahn im Norden, im wilden Wald wenige Meilen vor der kanadische Grenze in das Erdloch niederlegt, kann er das Moos und die Fichten riechen, und sein Herz flattert und in diesem Augenblick erfährt er einen unkontrollierbaren Impuls von Großzügigkeit. Er glaubt, er habe den Mann nur deshalb getötet, um ihm diese stille, wundersame Ruhestätte zu bereiten. Er findet, Einsamkeit ist ein Geschenk, das er dem Toten macht, denn Einsamkeit ist, wonach er sich selber sehnt. Und die einzige Stunde des Tages, in welcher Onkel Tosca in Florida Menschen aus seiner Umgebung verbannt, ist die Dinner-Stunde. Er haßt das Essen in Gesellschaft seiner Crew, das Plärren und Tratschen, das Schlürfen und Schmatzen dieser Kreaturen der famiglia. Sie essen so beiläufig wie sie urinieren und sehen kaum einen Unterschied darin, außer, daß sie beim urinieren besser schwafeln können als mit vollem Mund.

Frankie "The Dog" hatte sich mit umständlichen Worten entschuldigt, Onkel Tosca nicht zum Abendessen begleiten zu können, hatte angeboten, ein paar Callgirls der famiglia zu schicken, damit er nicht alleine speise. Aber Onkel Tosca winkte ab. Die Callgirls sollten ihn später im Hotel erwarten.

Das Restaurant "Amo" umgeben mannshohe Topfpflanzen - Büsche, Yukka-Palmen, Bananenstauden - und für Onkel Tosca scheint es, daß sie gewachsen sind, seit er das Restaurant im letzten Herbst besucht hatte. Seine Augen suchen die Tür. Sie versteckt sich hinter zwei Feigenbüschen. Ein Rohr bläst Küchendampf hinaus. Onkel Tosca erkennt den Duft von Tomaten und Basilikum. Er ist hungrig.

Wenn ein Mann der famiglia gierig ist nach Fleisch, rotem Fleisch, dann wird er töten an diesem Tag. Bevor er tötet, ißt er drei oder vier Schweinekottelets Philadelphia, und die Schicht aus Pilzen und Zwiebeln, die das Fleisch bedeckt, schiebt er beiseite. Der Mann der famiglia ist ein zivilisiertes Wesen und hebt sich ab von der Raubtierwelt. Der Wolf ist Gefangener seiner Instinkte und tötet, um Fleisch zu fressen. Ein Mann ißt Fleisch, um zu töten und um das Ende einer Gefangenschaft zu feiern. Wenn ein Mann aus der Haft entlassen wird, will er als erstes ein Steak essen, ein saftiges, halbrohes New Yorker Steak, die Poren voll mit Olivenöl und Butter, Cognac, Orangensaft und zerriebenem Knoblauch. In jedem Steakhaus der Welt erkennt ein erfahrenes Mitglied der famiglia die Männer, die gerade aus dem Gefängnis gekommen sind. Ihre Welt hat sich reduziert auf die Fläche des Tellers. Das ist die Savanne, hier reißen sie ihr Opfer.
Onkel Tosca erinnert sich an den jungen Mann, der eines Tages an seine Tür klopfte und erzählte, er sei am selben Morgen aus dem Gefängnis entlassen worden. Er bot Drogengeschäfte an, die Früchte von Informationen, die ihm Zellengenossen anvertraut hätten. Der Mann ließ Namen fallen, die Onkel Tosca geläufig waren, Namen von Papa Genoveses Unterbossen und von soldatos anderer famiglias. Onkel Tosca lud ihn in einer Trattoria zum Abendessen ein, hörte zu, nickte und bot an, ihn in ein Hotel außerhalb der Stadt zu bringen. Sie kamen nur bis zu den Hafendocks von Miami. Onkel Tosca schoß ihm ins Genick. Der Mann hatte gelogen, er war ein FBI-Spion, er hatte einen Gemüseteller bestellt . . .II

Zurück zur Empfangsseite "Al Dente": Click.

© 2002 springwords ventures Bernd Hendricks N.Y.