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Wer verschickte vor einem Jahr die tödlichen Milzbrandbriefe?

Absender unbekannt

Eine Reportage von Bernd Hendricks

"… der Lungenmilzbrand verläuft wie eine schwere Lungenentzündung mit starkem blutigem Auswurf, der hochgradig ansteckend ist … hohes Fieber, häufig Schüttelfrost, Husten und Atemnot … Hautblutungen, Milzvergrößerung und Kreislaufschock … Lungen- und Darmmilzbrand verlaufen ohne oder bei verspäteter Therapie meist innerhalb von 2-3 Tagen tödlich." (Online-Lexikon "Medizin Worldwide" über den Milzbrandbazillus Bazillus anthracis)

Im Tode erfuhr Kathy Nguyen mehr Aufmerksamkeit als im Leben.

Als die New Yorkerin am Abend des 31. Oktober 2001 im Lennox Hill Hospital starb, stritten sich Fernsehreporter vor dem Krankenhauseingang in der engen East 77 Street um die beste Kameraposition. Die Blitzlichter der Fotoreporter und die Lichtkegel der TV-Kameras malten stumme Schatten an die Häuser der Nachbarschaft. Spezialermittler der Bundespolizei trafen ein, Ärzte traten mit medizinischen Bulletins vor die Tür. Kathy Nguyen mußte vor einiger Zeit, möglicherweise vor einigen Tagen oder Wochen Milzbrandviren eingeatmet haben. Sie lebte in der Bronx. Sie war alleinstehend, 61 Jahre alt. Sie arbeitete im Materialdepot im Keller des Manhattan Eye, Ear and Throat Hospital, der Augen-Ohr- und Hals-Klinik auf der 3. Avenue, Ecke East 64 Street. Sie hatte wenige Freunde, sie verreiste nie, ging selten aus, erhielt kaum Post. Sie war nicht wohlhabend. Ihre Nachbarn sammelten Geld, um sie beerdigen zu können. Sie war das vierte Todesopfer in einer Reihe von Milzbrandangriffen, die New York und die amerikanische Gesellschaft im Oktober und November letzten Jahres erschütterte. Ein Unbekannter hatte den Milzbrand in Briefen an besondere Adressaten, an prominente Medienleute und Politiker verschickt, und die Polizei versuchte nun herauszufinden, wie Frau Nguyen mit den tödlichen Viren in Kontakt kommen konnte. Die Beamten befragten 27 Nachbarn, 35 Bekannte und 232 Arbeitskollegen, untersuchten jeden Quadratzentimeter ihrer Wohnung, ihrer Kleidung, ihrer Post, rekonstruierten mit den Informationen, die auf dem Magnetstreifen ihrer Subway-Monatskarte gespeichert waren, ihre Bewegungen in der Stadt. Die Presse spekulierte, daß sie Viren zufällig an einer Straßenecke eingeatmet haben könnte, heruntergesegelt von einem vorbeifahrenden Müllwagen - es war bekannt geworden, daß ahnungslose Mitarbeiter der Fernsehstationen NBC, CBS und ABC und der Tageszeitung New York Post die Briefe mit dem seltsamen Pulver und den Haßtiraden in den Müll geworfen hatten (bei ihnen traten später Milzbrandsymptome auf - alle überlebten). Wissenschaftler theorisierten, starke Nordwestwinde um den 9. Oktober hätten die Viren vom Postverteilungszentrum in Trenton, New Jersey, nach Manhattan getragen (in diesen Tagen wurden Milzbrandbriefe in Trenton sortiert). Der Wind strich über eine Ebene, in der über drei Millionen Menschen leben.

Wir werden nie erfahren, wie Kathy Nguyen infiziert wurde. Sie war ein "Unfall", ein kollateraler Schaden in einem geheimnisvollen Blitzkrieg, der fünf Menschenleben kostete und die Gesundheit von 17 Menschen beschädigte. Wir wissen, daß der Angriff bereits vor dem Terroranschlag des 11. September vorbereitet und mit sieben Briefen ausgeführt wurde. Wir kennen die Herkunft der Sporen, den genetischen Zustand der Viren und die chemische Zusammensetzung des Pulvers, das die Viren in eine zuverlässige Waffe verwandelt, wir kennen sogar den Briefkasten in Princeton, New Jersey, (Nassau Street Ecke Bank Street, gegenüber dem Eingang der Princeton Universität), in den einige der Briefe eingeworfen wurden, aber wir wissen immer noch nicht, wer der Angreifer ist.

Vor wenigen Tagen, am 1. November 2002, teilte Robert S. Mueller, Direktor des Federal Bureau of Investigation (FBI) mit, daß die Ermittler nun gemeinsam mit Wissenschaftlern versuchen, das in den Briefen verwendete Milzbrandpräparat "nachzubauen", um Erkenntnisse über den Täter zu gewinnen. Mueller sagte, bis zum heutigen Tage gebe es - offiziell - keinen einzigen Verdächtigen. Niemand scheint deswegen frustriert zu sein. Politiker stellen keine unbequeme Fragen mehr an die Ermittlungsbehörden. In den Medien erscheinen nur noch wenige Berichte wie im August über die spektakuläre Haussuchung beim Bioforscher Dr. Stephen Hatfill in Frederick, Maryland, der in einer Pressekonferenz wütend jeden Verdacht von sich wies ("Ich bin ein loyaler Amerikaner und liebe mein Land. Das FBI hat mein Leben verwüstet."). Soweit ist es nicht gelungen, eine ausländische Täterschaft nachzuweisen, es gibt keine Spur, die auf Al Quaida-Terroristen oder auf den irakischen Staat weist.

In Kreisen von Wissenschaftlern und Experten taucht in letzter Zeit immer häufiger eine andere Vermutung auf, eine furchterregende Schlußfolgerung aus den Untersuchungsergebnissen des FBI: Immer mehr Fakten deuten darauf hin, daß es sich bei dem Milzbrandangriff vor einem Jahr um einen "Inside Job" handelt, ausgeführt von einem Täter, der nicht nur intime Kenntnisse über die Produktion von "waffenfähigem Milzbrand" besitzt, sondern auch Zugang zu Biowaffenarsenalen der Vereinigten Staaten ...


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