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Leseprobe:

Amerika
Eine Erzählung vom 11. September
Von Bernd Hendricks

Hinweis des Autoren
Die in dem Text erwähnten Abkürzungen und Namen haben folgende Bedeutung:
SUV: Sport Utility Vehicle - großräumiges, luxuriöses Auto.
SMS: Short Message Service - Versenden und Empfangen von kurzen Texten mit dem Mobiltelefon.
WTC: World Trade Center.
Indian Point: Name eines Atomkraftwerkes in der Nähe von New York.

Dorothy hat den Rasen nicht gemäht. Johnson wird uns bei der Siedlungsverwaltung anschwärzen. Johnsons Frau ist jünger als Dorothy. Sie sieht aus wie Ally McBeal. Dorothy sieht aus wie Dorothy. Dorothy hat in der letzten Woche mehrfach erwähnt, daß die Johnsons nun einen SUV fahren. Dorothy will auch einen SUV, einen Chevy Suburban. Sie will einen neuen Hausanstrich noch vor dem Winter und ein neues Rosenbeet im Frühling. Sie redet davon, im nächsten Sommer Grillpartys für die Nachbarn zu geben. Sie redet von einem neuen Edelstahlgrill und von einer Hausband, die an diesen Abenden spielt, und von jungen Kellnern in Uniform, die sie mieten will. In Wirklichkeit will sie Grillpartys für die Johnsons geben, und die anderen Gäste sind nur Dekoration. Dorothy will so groß sein wie die Johnsons. Sie will aussehen und sich bewegen wie Ally McBeal. Dorothy ist unzufrieden mit Adams Karriere. Sie schickt ihm SMS-Botschaften.

Adam faßt sich an die Brust. Er fühlt sein Mobiltelefon. Er zieht es heraus. Auf dem Display leuchtet Dorothys Nachricht: "Schnall dich an, D."

"Schnallen Sie sich bitte an und stellen Sie Ihr Mobiltelefon ab", hört Adam die Stewardess sagen. Er sucht ihre Augen, aber sie hat sich bereits abgewendet. Er sieht in ihrem Nacken eigenwillige Haarwirbel und einen Flecken an ihrem Hals. Jemand hat sie geküßt, sie ist frisch verliebt, glaubt Adam und er denkt, daß er mit Dorothy über die Zukunft reden wird.

Er schließt die Augen, weil er den Start nicht leiden kann. Er hat gehört, daß die meisten Flugunfälle beim Start passieren. Für den Aufstieg mußt du schamlos sein, hatte Johnson einmal zu ihm gesagt. Je schamloser, desto schneller der Aufstieg. Johnson und Adam hatten eine Fahrgemeinschaft gebildet. Doch dann wurde Johnson befördert, wechselte in eine andere Abteilung und seit er einen SUV besitzt, grüßen sich die beiden Männer nur noch am Gartentor. Dann steigt jeder in den eigenen Wagen. Adam bietet ihm seinen Beifahrersitz nicht an. Er respektiert die stille Kluft zwischen ihnen und fühlt Scham dabei.

Adam mochte nie, wie Johnson zur Mittagspause die Pizzalieferanten abfertigte. Mal kamen sie zu spät, mal war ihm die Pizza nicht warm genug, immer drohte er, die Rechnung nicht zu zahlen. Johnson gefiel sich in seiner Macht. Adam merkte, daß Johnson oft den Abteilungsboß aufsuchte. Einmal rief Adam den Boß mit einer belanglosen Frage an, und nachdem der Boß sie beantwortet hatte, verharrte Adam am Telefon. Adam hängt den Hörer nie als erster ein, wenn er mit dem Boß telefoniert. Manchmal legt der Boß den Hörer ungeschickt auf, sodaß die Verbindung bestehen bleibt und Adam hören kann, mit wem der Boß gerade redet. An diesem Tag blieb die Verbindung bestehen und Adam hörte den Boß zu Johnson sagen: "Mittagspause ist was für Schlappschwänze." Seitdem bestellte Johnson keine Pizza mehr.

Die Maschine schüttelt sich, sie schießt los, sie kreuzt die Winde, die über die Startbahn in Newark wehen, und hebt ab. Adams Vordersitz vibriert. Das sind die entscheidenen Sekunden beim Abflug, denkt Adam. Danach trägt uns die Aerodynamik. Dann ist alles sicher.

Er fühlt einen sanften Druck gegen den Ellenbogen. Sein Sitznachbar hat seinen Arm auf die Lehne gelegt. Er will meinen Raum einnehmen, denkt Adam. Er gibt nach und überläßt dem Mann die Lehne.

Adam schließt wieder die Augen und sieht wie er selber fliegt. Er tritt vor das Haus. Er bemerkt Johnson, der die Nachbargartentür zuschlägt und sich zum wortlosen Gruß umdrehen will. Doch Adam hebt ab, er fliegt über den Rasen, mit dem Fuß trifft er noch Johnsons Briefkasten und heraus fallen unbezahlte Rechnungen. Johnson blickt nach oben, aber Adam kann seinen Gesichtsausdruck nicht mehr erkennen, nur ein winziges Loch und zwei Punkte, der geöffnete Mund und die Augen, bis das Gesicht selbst zu einem kleinen Flecken in der Vorstadtlandschaft verschwindet. Johnson wird kleiner, das Haus wird kleiner, die Siedlung wird kleiner und die gestutzten Rasenflächen, die aussehen wie nebeneinandergereihte Fingerabdrücke auf einem Ermittlungsbogen der Polizei. Das Geld wird kleiner, die Hypothek wird kleiner. Irgendwo in dem Einkaufszentrum wandert Dorothy zwischen den Regalen. Rastlos sucht sie nach Waren gegen ihre Einsamkeit, aber das Einkaufszentrum schrumpft und verschwindet schließlich unter einer Wolke, einem Bausch aus Millionen winziger Wassertropfen, der sich sanft in Adams Gesicht drückt...II

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